Eine kleine Meldung auf der Medienseite der FAZ vom 16-III. Unter der Überschrift "Was lohnt sich? - Rainer Langhans zur RAF bei Focus" stehen 22 knappe Zeilen, die hier nur deshalb auszugsweise zitiert werden, damit wir uns kein Copyright-Problem einhandeln:
"Oh ja, die Blogger breiten sich aus. Bei "Focus Online" steht seit gestern der Altkommunarde Rainer Langhans Rede und Antwort ... zu der Frage ... dass sich für die vor der Haftentlassung stehende RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt eine Stiftung ... formiere. ... und diejenigen, die Gewalt als Mittel wählten, aber doch irgendwie was ändern wollten: " Das waren ja nicht bloss Verbrecher. Die wollten eben eine andere Welt." Der Jugend rät er, erst gar nicht auf Gewalt zu setzen und aus der Geschichte zu lernen. Dann habe sich "das gelohnt". Was hat sich gelohnt? Mord und Totschlag? Der "Focus-Online"-Blog fängt ja gut an. miha."
So sieht es, nein, so sieht DAS Problem des Web 2.0 aus, wenigstens, was das herrschende Verständnis in den klassischen Medien betrifft. Dabei geht es nicht darum, ob sich "Mord und Totschlag gelohnt habe" etc. Das ist sicherlich eine Diskussion wert. Hier geht es um den letzten Satz. "Der Focus-Online"-Blog fängt ja gut an." miha (Michael Hanfeld) insinuiert mit diesem Satz, dass es wohl richtiger wäre, solche (aus seiner Sicht gewiss ablehnungswürdige, vielleicht sogar verachtenswerte) Position erst gar nicht zu Wort kommen solle - oder was sonst sollen wir aus der Bemerkung schliessen. Es ist diese alte Sicht eines Redakteurs auf das/auf sein Medium, die im Web 2.0 so vehement bestritten wird. Da ist jemand mit einer Meinung, die will er sagen, mehr noch, er wurde ja gefragt, die soll er sagen! Und dann mokiert sich miha darüber, dass er sie hat sagen dürfen.
Das Problem, das in dieser Miniatur zum Ausdruck kommt, ist gross, schwer zu ertragen und kaum aufzulösen. Natürlich gibt es zu jedem beliebigen Sachverhalt ein Spektrum möglicher Meinungen, dessen jeweilige Ränder für den Mainstream in einem Ausmass unerträglich sind, dass diese Positionen (nach Meinung der Mehrheit) "besser erst gar nicht zu Wort kämen". So war das (fälschlicherweise) schon, als die Welt noch eine Scheibe war, und, bevor da Missverständnisse aufkommen, so ist es (richtigerweise), wo z.B. menschenverachtende Positionen vertreten werden – der paradoxe Satz: „keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ bringt das Dilemma auf den Punkt. (Ich sage damit aber auch, dass ich in einer ausgesuchten Anzahl von Sachverhalten Teil der Mehrheit bin, die Meinungen an den Rändern „radikal“ negiert.)
Doch wer zieht die Grenzen? Wer entscheidet über richtig und falsch? Gestern Abend hat das Auslandsjournal des ZDF einen jungen Afrikaner (wie soll man sagen:) "zustimmend" zu Wort kommen lassen, der bereit ist, mit Waffengewalt gegen das Regime von Robert Mugabe in Simbabwe zu kämpfen – aus Sicht des Staates Simbabwe ist dieser junge Mann ganz gewiss ein Terrorist.
Aber das ist eigentlich hier nicht die Frage. Im Web 2.0 geht es um den Einzelnen, und um dessen Möglichkeit, seine Meinung - wright or wrong - "unzensiert" vorzutragen. Dort, wo etablierte Medien es mit diesem Trend aufnehmen wollen (und sie hätten alles Recht der Welt, das sein zu lassen), müssen sie sich von ihrer Richtlinienkompetenz verabschieden, oder sie veranstalten eine Farce. Den gelernten Redakteur zerreisst das: Er (oder sie) MUSS sich ja vehement dagegen wehren, dass SEINE Qualifikation, nämlich „eine Meinung innerhalb des tolerierten Spektrums der Möglichkeiten zu formulieren" von Hinz und Kunz bestritten wird. Jetzt entsteht aus der Sicht des Medium ein unauflösbarer Konflikt: Wenn „ich“ (Medium/Redakteur) auf meiner „Gatekeeper“-Position bestehe, befördere ich all jene Kräfte, die sich von meinem Medium abwenden, weil sie sich ... nicht mehr repräsentiert fühlen, ... weil sie (im schönsten demokratischen Sinne) aktiv an der Meinungsbildung „partizipieren“ wollen etc. Würde ich dagegen jede beliebige „Bloggermeinung“ tolerieren, dann würde, dann werden in kürzester Zeit alle Regeln und Haltungen unterlaufen, konterkariert ... vielleicht sogar aufgelöst, für die „mein“ Medium einsteht.
Medien haben die Meinungsbildung aus der Öffentlichkeit IN die Redaktion verlegt. Mit dem Web 2.0 wird Öffentlichkeit de-reguliert. Das erstens auszuhalten und zweitens sinnvoll „zu begleiten“ ist die Herausforderung, die zu bestehen den Medienveranstaltern ein neues Denken abverlangt (IvD, 16.3.07)
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