cjakubetz begutachtet den Weltkongress der Zeitungsmacher. Von dort, berichtet er, käme die Nachricht, dass Zeitung und Internet in Zukunft komplementär seien. Die Leser hätten einen dringenden und nicht nachlassenden Bedarf an Meinung. Blogs hin oder her, die Welt müsse weiterhin kompetent kommentiert werden und der Leser wolle wissen, was "seine Zeitung dazu meint". Gut. Dann ist das ja schon mal klar.
Reicht das?
Ist damit gesagt, was gesagt werden muss? Vielleicht muss so ein JakBlog nicht gleich alle Probleme der WELT lösen. Andererseits: so im Allgemeinen verhaftet erreicht die Diskussion nicht die notwendige Reiseflughöhe – und plumst direkt in die Belanglosgkeit.
Das Problem der Zeitung ist grösser und vielschichtig. Zunächst ist die Erkenntnis, dass das Internet der Zeitung die Kernfunktion abgenommen habe, nämlich das Tagesgeschehen zu spiegeln und (in Sachen Werbung) auch den Tagesbedarf, natürlich richtig. Damit setzt jedoch eine Dominokette ein, die der Dominotheorie des Kalten Krieges in wenig nachsteht: Fällt erstmal der Tagesbezug, dann bräche die Legitimation auf breiter Front weg.
Die Meinungs- und Kommentarthese, nach der der Mensch in der Gesellschaft eine geistige Ordnungsfunktion suche, die sowohl die Einzelheiten zu Bildern zusammenfügt, aber auch angibt, wie die Facetten miteinander im Bezug stehen und schliesslich durch Redundanz und Kommentar dazu beiträgt, dass das, was geschieht, in einem mehr oder weniger demokratisch kontrollierten Kontext stattfindet – diese These hat Pros und Cons.
Dafür spricht, dass unter dem geradezu täglichen Änderungsdruck irgendjemand sehr wohl den Job übernehmen sollte, den Überblick herzustellen, das grosse Ganze abzubilden und auch über die Richtigkeit der Richtung zu diskutieren, kurzum durch Meinung der Meinungsbildung auf die Sprünge zu helfen.
Dagegen spricht, dass unser Aufmerksamkeitsbudget den Anforderungen dieses Ansatzes nicht standhält. Denn einerseits müssten und würden wir den aktuellen Informationsstrom sozusagen 24/7 aus dem Internet aufsaugen. Und obendrein sollten wir den Sortierungs- und Bewertungsstream tagtäglich noch mit dem Printmedium nachverfolgen. Hinzu kommt, dass sich das grosse Ganze eines jeden „Themenfeeds“ nicht in die gleichen 20 Zeilen pressen lässt, wie ein Meldung zur Sitzung des Haushaltsausschusses; Kommentar und Analyse würden nur dann ihrer Defintion gerecht werden, wenn sie zu jedem gegebenen Zeitpunkt thematische Breite und analytische Tiefe zugleich abbilden. Anders gesagt: Schon eine solche „erste Ableitung des Tagesgeschehens“ würde uns die jeweils verfügbaren Aufmerksamkeiten für eine ganze Woche wegfressen.
Genau das macht den Dominoeffekt transparent: denn diese Funktion der übergreifenden Kommentierung des Zeitgeschehens gibt es ja. Sie hat, je nach dem, ihren Ort in der Wochenzeitung oder dem Monatsblatt. Die Idee, wonach die Tageszeitung das Internet komplementieren solle, sagt also nichts anderes, als das es zu einer Neudefinition der Funktionen von Formaten kommen muss. Würde die Zeitung die Wochenzeitung ablösen, und die Wochenzeitung die Monatsschrift etc., so würden auf diesem Weg „langlaufende“ Formate von den Kurzläufern aufgefressen.
Nun gut, könnte man sagen, dann wäre es eben so, der Markt wird es regeln. Ja und nein. Unsere verfügbaren Aufmerkamkeiten unterlaufen diese simple Strategie: denn das Zielpublikum, das sich von den Konsumanforderungen dieses Medienwandels (eher sofort als bald) überfordert fühlte, kann dieser Form der Verdichtung nicht mehr folgen. Es ist zuviel.
Die Konsequenzen daraus wollen die meisten Medienhäuser nicht wahrhaben. Der Riepl solls richten, aber der Riepl kann uns den Tag nicht verlängern, und einen Nürnberger Trichter hat er auch nicht. Nein! Es wird zu einer medialen Konsoldierung kommen müssen. Nach den Jahrzehnten, nein, nach Jahrhunderten der Diversifizerung steht nun ein Rollback an.
Dieses Rollback beginnt mit einer neuen Definition der Medienkanäle in ihren Funktionen und in ihrem Zusammenspiel. Fast könnte man von einem Greenfield-Ansatz sprechen, und tatsächlich könnten viele die einhergehenden Chancen ergreifen. Jetzt kommen aber zwei Kräfte ins Spiel, die sich auf das Unangenehmste ergänzen. Da ist auf der einen Seite die zähe Reaktanz, mit der zu viele Zeitungs- und Medienunternehmen die Nachrichten der Zeit bestreiten. Sie wollen bleiben, was sie sind, und selbst wo eine höhere Einsicht wächst, halten die Organisationen (insbesondere die Redaktionen, auf das trefflichste von Betriebsräten und Gewerkschaften beraten) noch die schönsten Widerstände bereit. Parallel dazu muss man in so eine grüne Wiese natürlich erstmal invstieren, nicht zu knapp. Das birgt Risiken, das ist anstrengend, und, auch das, über derlei Mittel muss man erstmal verfügen (können).
Deswegen werden Medienkonzerne diese Revolution anführen. Sie haben die Entschlusskraft, die Durchsetzungsfähigkeit und sie haben die Mittel, den Informationsfeed so zu modularisieren und zu kompilieren, dass bei einem einzelnen Konsumenten genau die passgenaue Strecke von Informations- und Meinungsleistungen ankommt, die die zeitlichen (ggf. auch monetären) Restriktionen dieses Einzelnen reflektiert, und die die dabei entstehenden Konsumlücken und -nöte durch Services ausgleicht. (IvD)
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