TIMElabs bastelt seit ein paar Wochen am Relaunch der eigenen WebSite. Als Aufmacher und extra für diesen Anlass - und als Antwort auf das unsägliche VDZ-Papier - haben wir einen „Media Industry Outlook“ erarbeitet, ein 20-Seiten Papier, dass sich mit der Situation der Medienbranche, Stand Frühjahr 2010, auseinandersetzt. Eine der Nachrichten dieses „MIO 2010“: das iPad ist der Beginn einer Revolution.
Dieses Papier war ungefähr in der zweiten Februar-Woche fertig, nicht aber unsere WebSite, Widrigkeiten wie Krankheit, Urlaube und so. So haben wir es zurückgehalten - sozusagen als „Bonbon“.Das rächt sich jetzt.
Denn gerade wird das WePad durchs Dorf gejagt. Sie können sich das ruhig so vorstellen, dass bei uns im Office jetzt die 80-er-Fraktion auf das Genüsslichste die 20-er-Fraktion maltraitiert und mit Häme überzieht: "Wer zu spät kommt, …" aber gemach, gemach, so tönt es aus der 20-er-Fraktion, wir meinen, noch zwei, drei weitere Sachverhalte dargestellt zu haben, die nachzulesen sich lohnen wird.
Mich selbst beschleichen die widersprüchlichsten Gefühle.
Einerseits. Erstmals seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, habe ich das Gefühl, dass die Entscheider der deutschen Medienindustrie in „angemessener“ Geschwindigkeit auf eine technische Entwicklung reagieren. Unser WakeUp-Call, zumindest was die Dringlichkeit betrifft, mit der wir das iPad kommentieren, weckt niemanden mehr: zu unserem grössten Erstaunen rufen wir in die Wüste - und von allen Seiten und von hinter den Dünen schallt es zurück: „Danke der Nachfrage - wir sind schon da!“
Andererseits. Dass nun ein MeetooPad vom Himmel fallen soll, das erscheint als nur logisch. Das iPhone ging voran, und alle, alle dackelten hinterher. Das iPad geht voran, und alle, alle haben ihre iPhone-Lektion gelernt: nur nicht nochmal blöd hinterherdackeln! Am Ende ist das eine logische Folge der Beschleunigung, von der wir (TIMElabs, aber natürlich viele andere schlaue Köpfe vor uns) seit Moore‘s Law predigen. iPad, WePad, WhatEverPad, das beweist nur die Bedeutung der Technologie als kommende Platform. Das belegt nur das Gerangel um die Startplätze. Keine Sorge, das regelt der Markt.
Andererseits. Ob Gruner + Jahr, die über Jahr und Tag ihre Pferde gar nicht erst gesattelt hatten, nun auf das richtige Pferd setzt, darf man bezweifeln. Von den Motiven und Begründungen, die man von dort und anderwärts lesen kann, sind abenteuerlich. Jene, die seit Generationen 45 und mehr Prozente dem Grosso einräumen, greinen Rotz und Wasser, dass Apple 30% für sich reklamiert. Erstaunlich! Jene, die seit Äonen keinen blasse Schimmer haben, wer ihre Produkte am Kiosk kauft (und warum), lamentieren, dass jetzt Apple die Nutzerdaten aggregiert.
Andererseits na klar: Apple wird ABONNENTEN an den Apple-Store binden, also nicht mehr nur das „flüchtige“ Publikum, sondern auch die bekennende Klientel. Deswegen der Aufschrei, man kann das verstehen. Aber! An dieser Klagemauer werden Krokodilstränen vergossen. Denn den gleichen, wenn nicht gar denselben Verantwortlichen, die jetzt den Verlust des Allerheiligsten beklagen, ist noch nie besseres eingefallen, als klinkenputzend Nebengeschäfte feilzubieten. Echte Services? Fehlanzeige. Und der schönste Adressnutzen war noch immer der Verkauf an eine Adressdatenbank.
Andererseits. ZENSUR! Apple hat ein rigides Geschäftsgebahren, sowohl, was den Zutritt zu seinem Store betrifft, als auch, was die Zulassung von Inhalten in seinem Store betrifft. Sogenannt „freizügige“ Inhalte wurden kommentarlos gelöscht. DAS trifft die Pressefreiheit in Mark und Bein! Jetzt könnte man sich, wieder und mit Recht und wie aufgeklärt wir sind, über die typisch amerikanische Bigotterie ereifern. Man könnte aber auch fragen: warum eigentlich brauchen durchschnittliche Medien (sagen wir nur beispielhaft: die Bild oder der Stern) „freizügige“ Inhalte? Ist es nicht die gleich, nur umgekehrte Bigotterie?
Andererseits. Was eigentlich macht Apple anderes als Medien, die ihrerseits den Zugang zu ihrem Medium restriktiv und den Inhalt in ihren Medien noch restriktiver behandeln? Es tönt, als klagten die Füchse über die Wölfe. (IvD)
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