Beim Duchblättern alter Zeitungen, nur damit ich nichts verpasst habe, während ich in der Weltgeschichte herumirrte, stosse ich auf einen Artikel der FTD vom 12. August. News von gestern, allemal, aber leider auch News für heute, morgen und übermorgen. Dort wird berichtet, dass Apple einen Programmcode in das iPhone eingebaut hat, der regelmässig eine Apple WebSite kontaktiert.
Donnerschlag. Was soll ich jetzt machen? Mein schönes neues iGerät in die Tonne treten? Eine US-Kanzlei finden, die erst nach erfolgreicher Klage Rechnungen schreibt? Ich glaub, ich fall vom Glauben ab.
Versetzen Sie sich mal in meine Lage: seit 1985 missioniere ich für die Firma, treu im Glauben, nicht das Gute in der Welt zu befördern, aber doch das Bessere. Natürlich habe ich oft genug auch bei Apple am Prinzip Banane gelitten (Produkt reift beim Kunden), aber immer noch nur halb so viel, wie bei den MS-Produkten (die zu nutzen ich für sieben Jahre beruflich genötigt war). Apple hat derzeit, wenn wir mal auf die jüngste Serie von Produktpannen schauen, ein ganzes Bündel von (wohlwollend formuliert) „Wachstumskrankheiten“; der Erfolg der Firma überfordert die Qualitätskontrolle, und die formale Coolness scheint (am Markt) zu genügen, die mangelnde Sorgfalt des Inhaltes zu kompensieren. Und natürlich ... geht mir auch die Krämerei von Apple auf den Geist, und auch ... die Aktienpolitik ... Gleichviel:
I was a believer!
Mein Glaube war ästhetischer Natur. Ich habe gelernt, dass Form und Inhalt unauflösbar zusammengehören. Und ich habe immer wieder erfahren, dass jene, die die Form pflegen (die sie dem Inhalt für ebenbürtig halten, ... nicht aber für das Alleinseligmachende!), in aller Regel eine angenehmere Welt- und Menschensicht leben. Sind es nicht - in aller Unschuld - sogar die besseren Menschen? Nun: Dieser schönen Illusion war ich schon nach der Lektüre von iCon beraubt. Andererseits, auch ich hatte ein paar unerträglich junge Jahre, und ich dachte so bei mir: auch Herr Jobs wird älter.
Und nun das. Alles, was ich in schönster Verschwörungsmanier immer schon (aber nur) den freundlich grinsenden Weltverbesserern der Firma Microsoft unterstellt habe - nun ist sich auch Apple nicht zu schade, seine Kunden auszuspionieren. Man schützt Sicherheitsinteressen vor, und, auch das bei den Kollegen aus Rich(äh, ..) Redmond abgekupfert: die der Kunden, natürlich. Das ich nicht lache.
Jenseits meiner persönlichen Ent-Täuschung sind die in dem Vorfall neuerlich aufscheinenden Fragen grösser und auch sachlich jenseits aller Corporate Culture Guidelines und Controll-Issues angesiedelt. Die Frage ist: Was habe ich gekauft. Was gehört mir? ... Was ist mit dem Eigentumsbegriff in Zeiten ausgreifender Digitalisierung?
Wer, wie ich, die Meinung vertritt, dass die „digitale Welt“ unterwegs ist, die „reale Welt“ wie einen Kokon zu umspannen, um sich nicht bloss, wie bereits weitgehend geschehen, als Steuerungsebene zu etablieren, sondern, wer weiss, letztlich sich sogar zum „Austragungsort von Leben“ aufzuschwingen, von „allem Leben“ gar (das ist Science Fiction, aber keine ganz abwegige ...) - dem könnten, wie mir, die Nackenhaare hochstehen.
Es sind die ganz grossen Fragen! Eigentum, Identität, Existenz ... Heute kommuniziert Apple mit „seinem“ Betriebssystem auf meinem iPhone. Wo verläuft die Grenze? Morgen - vielleicht - redet Apple mit „seinem“ iWork-Programmcode auf meinem Rechner, redet mit meinen Tabellen „seines“ Numbers-Programmes. Und wir reden hier nicht von Malware.
An dieser Stelle muss natürlich auch „Google“ gesagt werden, ok: Google! Aber natürlich muss auch DRM gesagt werden, ok: DRM.
Aber diese Fixierungen lenken davon ab, dass übergreifende Fragen auf „breiter Front“ anstehen. Ich selbst, und, wenn ich mal so weit ausgreifen darf: die ganze Welt, wir sind dabei, uns mit digitalen Identitäten auszustatten. Zunehmende Teile unserer Existenz-/Grundlagen, unserer Lebensäusserungen, basieren oder lagern auf, oder sind abhängig von digitalen Netzen, Werkzeugen ... digitalen Voraussetzungen. Wachsende Teile des Weltsozialproduktes stehen in unmittelbarem Zusammenhang zu, oder basieren gar auf, digitalen Strukturen.
Und da fragt sich dann schon: Wo beginnt Gotham City? Bis wohin reichen die Zugriffsrechte „einer Firma“? Und ich bezweifle nicht, dass die schlaue Rechtsabteilung „der Firma“ „ihre“ Rechte sorgfältig in die AGBs geschrieben hat (ich könnte es sogar genau wissen, wenn ich mich nur hinreichend damit auseinandersetzen würde, was mir, ca. 20 Mal im Monat, an 20-50 Seiten AGBs zur Zustimmung vorgelegt wird).
Ich habe beim Mittag vor ein paar Tagen mit Hank Williams über diese Fragen gesprochen. Er hatte (hier) in der Debatte um das leidige DRM (wie auch wir bereits in unserer GRID MEDIA-Studie) vorgeschlagen, an die Stelle des Eigentums das „lebenslange Zugriffsrecht“ zu setzen. Für einen Augenblick schien mir das hilfreich, denn mit dem typischen Pragmatismus der Amerikaner hatte auch Williams auf diesem Weg alle normativen Probleme vom Tisch geschubst: An die Stelle des Eigentum setzten wir das Zugriffsrecht als eine „gesellschaftliche Verabredung“. „Und das Eigentum selbst,“ fügte Williams hinzu, „ist ja auch nichts als eine gesellschaftliche Verabredung.“
Jetzt aber, wo ich wieder (und wieder) darüber nachdenke, erscheint mir der Ausweg in eine „gesellschaftliche Verabredung“ dann doch - und auch im Anbetracht dessen, was (alles) verabredet werden müsste - zu schwach.
Aus drei Gründen:
Einerseits impliziert das Eigentum Umgangs- oder Handlungsrechte, die mit dem blossen Zugriff nicht abgedeckt sind („mit meinem Eigentum kann ich machen, was ich will“).
Andererseits schützt mich das Zugriffsrecht nicht vor dem „Untergang“ meines Vertragspartners. Schon in einer Firmenübernahme könnten meine Rechte auf das Äusserste strapaziert werden, wie erst, und es wäre nicht das erste Mal, wenn mein Vertragspartner „stirbt“, in Insolvenz geht.
Schliesslich, und das ist meine grösste - weil, Status Quo heute, nicht ausräumbare - Sorge, weil alle „insofern“ gesellschaftlich verabredeten Rechte nur einklagbar wären, wenn eine globale Controllinstanz das durchsetzen könnte. Das Dilemma ist, dass „wir“ ein globales System geschaffen haben, dass sich der globalen Kontrolle entzieht.
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