Was ich derzeit in New York lerne, wenigstens zur Kenntnis nehme: One Message at a Time! Punktspezialisten ohne Ende, jeder mit einer einzelnen, talkshow-kompatiblen Aussage (z.B. „Trau keinem unter 30“ oder „behavioral economy“ etc) und zuckelt mit der durch die Interviews. Für jemanden wie mich, bei dem immer gleich alles mit allem zusammen hängt - a nightmare. Aber gut. Let‘s try.
Die FTD ist eine ZWeitung.
Ich lese das Blatt schon sehr lange, ich schätze es, von Liebe zu sprechen wäre übertrieben. Einige Sachverhalte halten mich bei der Stange, insbesondere die Berichterstattung zu Medien, Dienstleistungen und IT sowie die Agenda, die Kommentare. Die Kommentare der FTD unterscheiden sich wohltuend von der Larifari- und/oder Lobby-/Lager-Kommentierung, mit dem der Rest der (Medien-)Republik das Interesse vernichtet. Einige andere Rubriken empfinde ich als gelungene Ergänzung, die Einzel- oder Doppelseiten hinter den Kommentaren (also „Wirtschaftsbücher“, „Bildung“, „Portrait“, „Recht und Steuern“ etc.). Die Berichterstattung zu Finanzthemen finde ich gut, auch wenn es nicht exakt mein Thema ist. Nun, das ist eine persönliche Meinung, wir haben aber auch versucht, diese Meinung auf eine Metaebene zu heben:
Denn einige andere Sachverhalte erscheinen uns, jenseits aller persönlichen Vorlieben, nicht zielführend. Wir meinen, die FTD schöpft ihr Potential nicht aus, vor allem, weil sie sich thematisch verzettelt. Wir halten einen Relaunch für unumgänglich. Darum soll es jetzt gehen. TIMElabs hat einen WebCast zu dem Thema produziert (hier geht es zur Registrierung), dies ist die schriftliche Kurzfassung.
Die FTD ist eine ZWeitung.
Die schärfste Aussage, zu der wir in der Analyse gekommen sind, ist die, dass die FTD keine Zeitung ist. Sie bemüht sich redlich, weniger wäre mehr. Mit ihrer knapp besetzten Redaktion kann sie nicht leisten, was eine SZ oder eine FAZ abbilden, und unsere stärkste Aussage ist, dass das Blatt sich entscheiden sollte, aus dem Strukturdefizit ein Alleinstellungsmerkmal herauszukristallisieren.
Die FTD ist eine ZWeitung,
eine zweite Meinung, Meinung vor allem. Sie sollte auf alles SchiSchi verzichten, was dem falschen Anspruch an eine Vollzeitung nachhechelt, und sich vollständig darauf konzentrieren, was diese Zeitung von allen anderen unterscheidet.
Dabei sollten einige falsche Ansprüche über Bord gegeben werden, etwa bei der politischen Berichterstattung. Es ist ein täglich misslingender Irrglaube, dass sich eine politische BERICHTerstattung mit einer so dünnen Personaldecke abdecken liesse. Heraus kommt ein täglicher Kompromiss, der kein Interesse binden kann und dem falschen Anspruch einer (wir vermuten Chef-)Redaktion geschuldet ist, AUCH mitzuspielen. Die FTD erreicht auf diesem Feld gar nichts und vertut ihr knappes Inventar.
Dieses Statement möchte man nun nicht dahingehend missverstehen, dass die FTD auf die politische Stellungnahme verzichten soll. Im Gegenteil, darin ist sie stark. Nur soll sie die Berichterstattung, die sie sowieso nicht leisten kann, eben nicht nur immer andeuten, sondern die Ressourcen konsequent auf die Meinungsbildung umsteuern. UND, weil nur Kommentare auch nicht die Lösung wären, auf die Themen, in denen sie tatsächlich in der Lage ist, das bestehende Interesse mit hinreichender Ausführlichkeit zu bedienen.
Ebenfalls weit fernab der nötigen Breite landen die Themen Sport und Kultur, am schlimmsten die Kultur (hier von Feuilleton zu reden, verbietet sich); wie kann man das einer - unterstellt - einigermassen intelligenten Kundschaft zumuten. Aber auch der Sport - nach unserer Meinung eine krasse Fehlinterpretation der Interessen der Zielgruppe. Sport ist trennscharf: WER sich dafür interessiert, dem ist das bischen (vermeintliche) CherryPicking eher eine Zumutung. Wie man das Thema lustvoll abdeckt, zeigen FAZ und Bild, und wenn es in die Tiefe des Raumes gehen soll, der Kicker. Hier mal 20 Zeilen und da mal ein Viertelseiter, das bringt es nicht.
Letzter Punkt: Auch mit dem Thema Gesundheit hat das Blatt auf das falsche Pferd gesetzt. Und zwar nicht, weil es kein Thema ist; der Mangel an profunder, lobby-freier Berichterstattung zum Thema schreit zum Himmel. Nur: was hat das mit der Zielgruppe einer FINANCIAL Times zu tun? Was hat dieses institutionell verbetonierte Interessenschlachtfeld mit der markt- und leistungsorientierten Lebenshaltung der nachwachsenden, technisch affinen Hoffnungsträger zu tun. Die FTD verkämpft sich in ihrer Liebesmüh um die deutsche Ärzteschaft, die lieber ihren Funktionären zuhört.
Zusammengfasst: Die FTD soll sich konzentrieren, verengen, zuspitzen und aus dem, was sie gut kann, mit aller Entschiedenheit Uniqueness herausschlagen. Sie soll, so das Petitum, ihre Rolle als ZWeitung akzeptieren, und sich von allem Ballast lösen, der dem falschen Anspruch geschuldet ist, eine Vollzeitung sein zu wollen. Wie da gehen könnte, haben wir in unserem WebCast mit einer Reihe von Vorschlägen verdeutlicht.
Nachtrag:
Uns ist natürlich klar, dass eine solche Konzentration einer Redaktion an die Ehre geht. Man bangt, wir wie meinen: fälschlich, um den Status eines nationalen Players. Andererseits steckt das Blatt in einem Budget-Korsett, das - anders kann man es ja gar nicht interpretieren - Teil des Geschäftsmodells ist! Ein Double Bind, eine klassische Falle.
Wir haben auch darüber nachgedacht. Unser Lösungsvorschlag: Aggregation. Wir haben ein Modell entwickelt, wie sich die FTD mit anderen (und zwar vor allem internationalen, englischsprachigen) Medien verbünden könnte, um durch das Zusammenführen globaler Quellen tatsächlich eine vollwertige Zeitung zu werden. Der Ansatz ist eine Platform im Netz, auf der die (wie oben dargestellt: zugespitzte) redaktionelle Leistung der FTD mit der Berichterstattung und Meinungsbildung aus einem internationalen Quellenraum zusammengeführt wird, und in einem redaktionellen und/oder einem individualisierbaren Angebot repräsentiert wird.
Unsere Überlegungen gehen bis hin zu einer (künftigen) Übertragbarkeit des Ansatzen nach Print, und zwar auf der Basis einen Print-on-Demand-Konzeptes unter der Woche und eines Weekend-Premium-Print-Produktes. Die Zukunft der Zeitung, so unsere Message, ist eine integrierte Platform. Hier ist ein Vorschlag, wie das aussehen könnte.
Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich lese die FTD bereits seit einigen Jahren und habe nie begriffen, wieso Kultur und Sport unbedingt in diese Zeitung müssen. Sie wirken auf mich aufgrund der im Artikel beschriebenen Aspekte wie ein Fremdkörper.
Den Politik-Teil, früher noch relativ ausführlich gelesen, scanne ich heute nur noch durch und bleibe vielleicht mal bei einem Artikel hängen.
Aber Neuigkeiten über Politik erhält man im Medienzeitalter an andere Stelle.
Ich würde es begrüßen, wenn die kritische Auseinandersetzung, die Kommentare, die eigene (bzw. Redaktions-)Meinung bezüglich solcher Themen häufiger zu Wort käme.
Zu loben gibt es aber auch einiges. Die verschiedenen FTD-Serien, wie "Die Töchter der deutschen Wirtschfaft" z. B. und die bereits bestehenden (Gast-)Kommentare und Kolumen und nicht zu vergessen die Supplements.
Kommentiert von: Holger | 20. August 08 um 10:37 Uhr