Ein umgekehrtes Auktionsverfahren für Print-Anzeigen bietet MediaBids.com: Über das Auktionstool von MediaBids können Werbekunden auf der Plattform ein Budget fixieren, dass sie für eine Print-Kampagne auszugeben bereit sind. Die angeschlossenen Publikationen “bieten” auf dieser Auktion mit einer Gesamt-Anzeigenfläche, die sie für diese Summe zur Verfügung stellen (wollen). Umgekehrt können Publisher auf MediaBids Anzeigenflächen einstellen, die sie zu Sonder-Rabatten vermarkten (dann allerdings zu einem Fixpreis).
Die Registrierung auf MediaBids.com ist kostenlos, auf alle gebuchten Kampagnen behält MediaBids eine Provision von 8,5% ein. Nach eigenen Angaben verschafft MediaBids den Werbetreibenden dafür durchschnittliche Preisvorteile von 61% gegenüber Listenpreisen, in manchen Fällen betragen die Ersparnisse bis zu 92%. Trotz dieses “Preispokers” haben sich mehr als 3500 Zeitschriften und Zeitungen registriert, darunter Publikationen von Knight Ridder und der Washington Post Company.
Ebenfalls auf einen „umkehrten Auktionsmechanismus“ setzt die Vermarktungsplattform Bid4Spots.com, über die Restplätze für Radiospots versteigert werden. Über ein Online-Interface können Werbetreibende auf der Plattform ihre Werbespots mit demographischen Zielgruppen-Kriterien, Musikumgebungen, ihrem Gesamt-Budget und maximalen TKPs für bestimmte Tageszeiten einstellen. Die an die Plattform angeschlossenen Radio-Stationen bieten dann um die angefragten Werbeplätze. Indem Bid4Spots on the fly automatisch kalkuliert, wie viele Spotplatzierungen einer Station zu einem eingestellten Preis zugeteilt werden, „unterbieten“ die Stationen auch die eigenen Gebote bis zum jeweiligen Minimalpreis (um alle Plätze zu vermarkten). Der Werbetreibende erhält die preisgünstigste Kampagne.
Das gesamte Auktionsverfahren sowie die Abrechnung nach beiden Seiten übernimmt Bid4Spots – und sorgt dabei für eine „Win Win“-Situation der beteiligten Partner. Die Stationen können über die Plattform Rest-Werbeplätze vermarkten und die Werbetreibenden erhalten automatisch den günstigsten Preis. Im Juni 2006 hatten sich der Plattform rund 2000 Radiostationen, 350 Werbekunden und 110 Werbeagenturen (mit steigender Tendenz) angeschlossen. Sollte sich Bid4Spots am Markt durchsetzen, könnte die Restplätze-Versteigerung auch auf die normale Spot-Vermarktung ausgeweitet werden.
Eine ausgefeilte Bidding-Technologie für Radiospots bietet auch die Vermarktungsplattform dMarc Broadcasting, die im Januar 2006 für 102 Mio. US-Dollar von Google übernommen wurde. Über eine vollautomatisierte Werbeplattform ermöglicht dMarc Werbekunden eine Realtime-Verwaltung ihrer Werbespots, einschließlich Upload der Spots, Realtime-Buchung von Radio-Stationen und Werbeplätzen, vollautomatischem Reporting der gebuchten Kampagnen sowie Realtime-Tracking von Höreranfragen als Erfolgskontrolle. Dabei füllt dMarc vor allem Spotplätze aus, die nicht über eine feste Kampagnenplanung gebucht wurden.
Zurzeit wird die „dMarc Revenue Suite“ von mehr als 500 Radiostationen in den USA genutzt. Viele davon greifen auf das digitale Studio-System der dMarc-Tochter Scott Studios zurück, das dMarc in 2004 übernommen hatte.
Nach der Übernahme erweiterte dMarc die Plattform um eine webbasierte „Feedback-Funktionalität“, über die die Stationen ihre Programmplanung automatisch an dMarc überspielen. Diese Programmplanung nutzt dMarc wiederum für eine kontextspezifische Targetierung der Werbespots. Ein Werbekunde kann seine Spots somit nicht nur nach einzelnen Stationen oder Werbezeiten, sondern auch nach speziellen Programmumgebungen targetieren. Bei der Modellierung der Plattform hatte sich CEO Chad Steelberg nach eigenen Worten an Google AdSense orientiert, nun soll die gesamte dMarc-Plattform in AdSense integriert werden.
Über den automatisierten Abgleich mit dem laufenden Programmschema der beteiligten Radiostationen kann dMarc kontextspezifische Werbespots in die Programme einblenden (Grafik: TIMElabs)
Mit der Umstellung auf IP-basierte Formate können Audio- und Fernsehspots künftig sogar individuell und kontextspezifisch auf einzelne Empfänger zugeschnitten werden.
Einer der Vorreiter in der Vermarktung solcher Werbespots ist die US-Firma Lightningcast, die im Mai 2006 von AOL übernommen wurde. Das Lightningcast-System ermöglicht es, in ausgestrahlte Video- oder Audiostreams individualisierte Werbebotschaften für jeden einzelnen Nutzer einzublenden. Der Publisher definiert hierzu einzelne „Spotplätze“ innerhalb des Streams, die dann in während des Streaming-Vorgangs in realtime mit individualisierten Werbebotschaften „gefüllt“ werden. Dabei werden die Botschaften über demographische Daten wie Postleitzahl, Alter und Geschlecht, über den Kontext der Seite, über die der Video-Stream abgerufen wurde sowie über System-Informationen wie die Bandbreite des Nutzers oder den Tages-Zeitpunkt des Video-Abrufs targetiert. Gleichzeitig übernimmt Lightningcast das komplette Kampagnenmanagement, Reporting und Auditing der Partner. Nach der Übernahme will AOL Lightningcast in die Werbetochter Advertising.com integrieren. Das zusammengelegte Angebot soll AOL zufolge rund 300 Websites und 176 Videostreams pro Monat umfassen. Mit „AdBid“ verfügt Advertising.com zudem über eine eigene Auktionsplattform, die auch für eine Versteigerung von Video-Werbeplätzen genutzt werden könnte.