Angefangen mit der SearchEngine selbst lanciert Google im Umfeld seines Standard-Portfolios (AdSense, AdWords, Google News, Google Desktop-Search und Orkut) in hoher Frequenz hochwertige, kostenlose Softwarelösungen, die sich langfristig über Werbung finanzieren sollen und sukzessive einen wachsenden Teil der täglich genutzten Basis-Applikationen vieler Nutzer abdecken:
- Mit GMail bietet Google eine professionelle, webbasierte eMail-Lösung mit mehr als zwei Gigabyte Speicherplatz an. Finanziert wird das Angebot über AdWords-Werbeeinblendungen, die kontextspezifisch zu den jeweiligen Mails eingeblendet werden.
- Google Calendar bietet eine webbasierte Kalenderfunktion, die auch mit GMail synchronisiert werden kann.
- Das Foto- und Bildbearbeitungsprogramm Picasa ermöglicht es, die eigene Fotosammlung auf dem stationären PC zu verwalten, Bilder zu bearbeiten, Diashows zu erstellen und CDs zu brennen.
- Mit dem Google Page Creator (das sich noch in der Testphase befindet) können Nutzer eigene Webseiten erstellen.
- Google Talk ermöglicht webbasierte Telefonate (VoIP) und beinhaltet einen Messenger. Das Program wird mit GMail verbunden, so dass gespeicherte Kontakte automatisch synchronisiert werden können.
- Google Earth ist ein Desktop-Programm, mit dem Nutzer nach der Installation eine 3D-Animation des gesamten Erdballs erhalten, in der sie bis in einzelne Straßenzüge “hineinzoomen” können. Die erforderlichen Karteninformationen und Luftbilder werden hierzu “live” von den Google-Servern abgerufen (sind allerdings als solche oft Archivmaterial). Gleichzeitig können Nutzer einzelne Orte “taggen”, was zu einer fortlaufenden Anreicherung der Karten mit Hintergrundinformationen führt.
- Im März 2006 übernahm Google das Softwareunternehmen Upstartle, das mit Writely ein webbasiertes Textverarbeitungsprogramm auf den Markt gebracht hatte. Anders als stationäre Programme wie Microsoft Word ermöglicht Writely eine parallele Dokumentenbearbeitung durch mehrere Nutzer. Zurzeit wird Writely in Google integriert und anschließend in den Kanon der kostenlosen Google-Softwareangebote aufgenommen.
- Im Juni 2006 präsentierte Google die erste Beta-Version von Google Spreadsheet, einem webbasierten Tabellenkalkulationsprogramm. Google Spreadsheet hat zwar nicht nicht den selben Funktionsumfang wie Microsofts dominierendes Excel, ermöglicht aber den Import und Export von Excel-Dateien sowie das gemeinsame Arbeiten von mehreren Nutzern an einem Dokument. Damit schafft Google eine Alternative zu bisherigen kostenlosen Kalkulationsprogrammen wie OpenOffice, SimDesk und ThinkFree.
Nicht alle, von Google angebotenen Programme sind einzigartig, zu vielen gibt es bereits – ebenfalls kostenlose – Alternativen. Aufgrund seiner immensen Serverkapazitäten und Marktmacht könnte es Google (und sei es im Verbund mit Partnern) jedoch gelingen, seine Angebote – einmal zu einer “Software-Suite” verbunden, die die Grundbedürfnisse des durchschnittlichen Anwenders abdeckt – im Markt durchzusetzen. Wie eine solche Bündelung aussehen könnte, zeigt eine im März 2006 geschlossene Partnerschaft mit Dell: Danach installiert Dell auf allen ausgelieferten Rechnern (per default) ein kostenloses Google Software-Paket und erhält im Gegenzug eine Provision auf die erzielten Werbeeinnahmen. Der Dell-Deal wurde von vielen Industrie-Beobachtern als Affront gegen Microsoft gewertet: Jahrelang hatte Microsoft seine Programme per Vorinstallation auf Neurechnern in den Markt gedrückt, nun bedient sich Google ähnlicher Mittel.
Bei Microsoft werden der Vorstoß von Google in den Markt der Standard-Software (bei gleichzeitig explodierenden Online-Werbeeinnahmen) mit Sorge beobachtet: Geht die Google-Strategie auf, stünde das Geschäftsmodell des lizenzbasierten Softwarevertriebs vor einem radikalen Paradigmenwechsel und Microsoft damit vor einem ernsthaften Problem in seinem Kerngeschäft.
Mit der Übernahme von Groove Networks (samt Gründer und Lotus-Erfinder Ray Ozzie) läutete Microsoft – damals noch unter der Führung von Bill Gates – einen Strategiewechsel in der Sofwareentwicklung ein. Statt festen Entwicklungszyklen von stationär vertriebenen Microsoft-Produkten will Microsoft, ähnlich wie erfolgreiche Internet-Player, künftig auf eine webbasierte, kontinuierliche Verbesserung der angebotenen Software setzen, das gesamte Software-Geschäftsmodell soll vom “Produktvertrieb” zum “Servicebetrieb” umpositioniert werden.
Die “Live”-Plattform von Microsoft soll Werbetreibenden ermöglichen, über ein zentrales AdCenter sämtliche Software-Angebote des Konzern mit Werbung zu befeuern
Kern der neuen Strategie ist die sogenannte “Live”-Architektur, die aus sozialen Netzwer
ken, Suchangeboten, Softwaretools und einer zentralen Werbeplattform besteht. Über Microsoft Live sollen Nutzer ihre digitale Identität, ihre Daten und ihre persönlichen Präferenzen zwischen verschiedenen Devices und Umgebungen (z.B. PC, Gaming-Konsole und Mobilfunktelefon) übertragen können. Die Identifikation des Nutzerverhaltens und der individuellen Präferenzen soll dann für die Bereitstellung personalisierter und kontextspezifischer Werbung genutzt werden.
Einen ersten Schritt in diese Richtung geht Microsoft mit den neuen Service-Plattformen “Windows Live” und “Office Live”. Windows Live ist eine webbasierte Service-Plattform für Office-Nutzer, die unter anderem einen eMail-Service, einen Messenger, ein “Safety Center” (zur Überprüfung des Rechners auf Viren) sowie einen automatisierten Service für Firewalls, Daten-Backups und Restore-Funktionalitäten enthält. Bei “Office Live” handelt es sich um eine webbasierte Plattform für Kleinunternehmer, über die Internet-Seiten, das interne Wissens- und Kundenmanagement sowie das Rechnungswesen gepflegt werden kann. Bereits zuvor hatte Microsoft die Plattform “Xbox Live” gelauncht, die ein zentrales Web-Interface für die MS-Gamestation bietet. Über Xbox Live können Xbox-Spieler sich zu Multiplayer-Spielen zusammenfinden, Software-Updates, Demos und Trailer herunterladen, Charaktere verwalten und über Chats und Message-Boards miteinander kommunizieren.
Alle Live-Plattformen sollen sukzessive zu zentralen Interfaces eines webbasierten Soft-ware-Angebots ausgebaut werden. Der Großteil der Umsätze soll dabei über Werbeeinnahmen erzielt werden, auch wenn einige Angebote kostenpflichtig bleiben. Ray Ozzie – im Juni 2006 als Nachfolger von Bill Gates zum “Chief Software Architekt” von Microsoft befördert – debattiert in Interviews wiederholt Szenarien, in denen Microsoft künftig eine rein werbefinanzierte Basis-Software von Windows und Office herausgeben könnte.