Ein Beispiel für die Konvergenz der traditionell getrennten Medienformate im Internet und für den damit einhergehenden Wettbewerb zwischen unterschiedlichen „Formatanbietern“ liefert der Webauftritt der BBC. Der öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Sender hat sich als klassischer Medienanbieter inzwischen zu einem der weltweit reichweitenstärksten Nachrichtenportale im Internet entwickelt und „wildert“ mit seinen grösstenteils textbasierten Veröffentlichungen im angestammten Terrain von Zeitungsverlagen (allein ausserhalb Grossbritanniens nutzen monatlich etwa 40 Mio. Unique User das Nachrichtenangebot der BBC).
Umgekehrt dringen herkömmliche Publisher im Internet immer tiefer in den Markt der Videoformate ein. Die Nachrichtenagentur AP etwa betreibt seit Sommer 2005 ein eigenes Webvideo-Netzwerk (AP Online Video Network - http://www.ap.org/ovn), dem sich mittlerweise mehr als 1.100 Publisher angeschlossen haben. Pro Tag liefert AP etwa 40 Video-Stories (Nachrichten, Interviews, Reportagen) und stellt seinen Kunden zu deren Veröffentlichung einen co-gebrandeten Videoplayer zur Verfügung.
Finanziert wird das Angebot über 15- bis 30-sekündige Werbespots, die den Videos vorangestellt werden, und deren Erlöse zwischen AP und den Publishern aufgeteilt werden. Insgesamt erreichte AP über das Publisher-Netz im April 2006 rund 76 Millionen Unique Video Views.
Premium-Publisher wie die New York Times oder Spiegel.de produzieren darüber hinaus eigene Video-Inhalte, jenseits des „Standard-Materials“ der Agenturen. So bietet der Spiegel mittlerweile zweimal täglich einen Nachrichtenüberblick aus dem eigenen Nachrichtenstudio, eigene Kino-News sowie seit neuestem auch eine Video-On-Demand-Plattform, auf der einzelne Folgen von Spiegel TV gegen Gebühr heruntergeladen werden können.
Auch die Webredaktion der New York Times produziert neben ihrer „Kernaufgabe“ der Texterstellung regelmässig Multimedia-Formate, darunter Fotostrecken sowie Videos und Sprecher-Einblendungen des jeweiligen Redakteurs. Die Produktionskosten bleiben so überschaubar und das Angebot erhält einen - wohl nicht ganz unbeabsichtigten - „User-generierten Touch“. Der Schwerpunkt liegt auf der „medienadequaten Veredelung“ bestehender Inhalte die – je nach Thema – unterschiedliche Formate und Services in einem Paket kombinieren.
Wie so etwas aussieht, zeigt etwa die multimediale Aufbereitung einer Kinokritik von „Casino Royal“: Der eigentliche Inhalt, d.h. die Filmkritik wird gegenüber der Tageszeitung auf eine „medienadequate“ Länge gekürzt und statt dessen um ein „Medien- und Servicepaket“ aus Vorstellungsterminen, Filmtrailern und Clips (ingesamt 9 zu Casino Royal), Leser-Ratings und Reviews (zwei Woche nach Start gab es bereits 288 Ratings und 63 Reviews), der Möglichkeit zur Ticketbestellung sowie - später einmal – der direkten Bestellung der DVD an Ort und Stelle ergänzt.
Liegt erst einmal ein genügend grosser Grundstock an Audio- oder Videoformaten vor, kann aus den einzelnen „ContentModulen“ auch ein digitales, personalisiertes „Vollprogramm“ zusammengestellt werden. Eine solche Möglichkeit bietet z.B. CNet TV: Hier können sich Nutzer einen eigenen TV-Kanal aus den für sie interessanten Themengebieten zusammenzustellen,
der dann automatisch alle für die Themenbereiche relevanten Videobeiträge abspielt und auch per RSS-Feed abonniert werden kann.
Wie vernetzte Content-Module über strukturierte Meta-Beziehungen zur Ad Hoc-Generierung von Inhaltsangeboten genutzt werden können, zeigt das Live Paper „Treffpunkt Kino“ des Entertainment Media Verlags. Obwohl das Flash-basierte Paper aufgrund seiner Kombination von Text, Grafiken, Videos, O-Ton-Interviews, themenspezifischer Hintergrundmusik und animierter Werbung zunächst als Zukunftsbeispiel die „Multimedialisierung“ von Zeitschriften im Zuge der Digitalisierung gefeiert wurde, steht hinter dem Angebot weit mehr als eine reine Kombination verschiedener Medienformate.
Die gesamte Produktion des Live Papers baut auf einer relationalen Datenbank des Entertainment Media Verlags auf, die unter anderem mehr als 90.000 Filme, 255.000 Mitwirkende, 360.000 Musiktitel und 25.000 Personenprofile umfasst. Alle Daten sind mit ihren Metabeziehungen (z.B. „Song X stammt von Interpret Y und ist Bestandteil der Alben A und B“) in der Datenbank hinterlegt,
und können so „ad hoc“ je nach Thema automatisch über das hausinterne Content Management-System zusammengestellt werden. Dies erlaubt eine effiziente Anreicherung aller Inhalte (z.B. Filmkritiken) mit Zusatz-
informationen, und zwar nicht nur innerhalb von
„Treffpunkt Kino“, sondern auch in allen anderen LivePapers, Print-Publikationen und Online-Auftritten des Verlags.